Mythen und Fakten zur Hilfsmittelversorgung

Wenn es um die Versorgung von Patienten mit Hilfsmitteln zur Dekubitusprävention und -therapie geht, werden Erfahrungen und Meinungen in der Pflege untereinander weitergegeben. So haben sich im Laufe der Jahre viele Annahmen verbreitet, die gerne wiederholt und befolgt werden, ohne die individuelle Patientensituation und die Weiterentwicklung des Wissensstandes und des technologischen Fortschritts zu berücksichtigen.

Ein „No-Go“ – schließlich geht es darum, Schmerzen und Leid zu vermeiden. Die Pflege-Mythen entstehen durch falsche oder fehlende Informationen, die Verallgemeinerung von Einzelerfahrungen und unseriöse Werbung von Hilfsmittel-Herstellern.

Insbesondere bei der Auswahl des richtigen Hilfsmittels ist die einfache Reduzierung auf die Entscheidung „Weichlagerung oder Wechseldruck“ nicht richtig.

Fachlich fundiertes Wissen über Hilfsmittel, ihre Wirkungsweisen und Grenzen räumt mit Irrtümern auf, macht handlungskompetent und verbessert die Gesundheits- und Pflegesituation Ihrer Patienten und Bewohner.

Querschnitt einer Hybridmatratze, die Schaumstoff und steuerbare Luftkammern kombiniert
Hybridsystem: weder reiner Schaumstoff noch klassischer Wechseldruck
Mythos 1: „Schaumstoff oder Wechseldruck“

Die Versorgung mit Antidekubitusmatratzen darf nicht auf die Frage „Weichlagerung oder Wechseldruck“ beschränkt werden. Warum?

  1. In beiden Kategorien gibt es eine Vielzahl von Produkten mit unterschiedlichen Leistungsmerkmalen und Gütequalitäten. Die Qualität einer Weichlagerungsmatratze zeigt sich z. B. in der Schaumstoffart, im Raumgewicht, der Stauchhärte oder in integrierten Möglichkeiten zur Freilagerung. Eine hochwertige Wechseldruckmatratze bietet z. B. technische Einstelloptionen, um mögliche Nebenwirkungen zu reduzieren und für eine sanfte und nachhaltige Druckreduzierung zu sorgen.
  2. Es gibt Antidekubitusmatratzen, die weder nur aus Schaumstoff bestehen noch dem klassischen Wechseldruckprinzip entsprechen. Mit ihnen können die Nachteile der beiden Standardtechnologien vermieden werden. Zu diesen Matratzen zählen Systeme mit vertikalem Druckwechsel oder sogenannte Hybridsysteme, die mit einer sehr sanften Reizeinwirkung arbeiten.
  3. Eine leitliniengerechte Versorgung sieht immer eine individuelle und zweckmäßige Lösung für jeden Betroffenen vor! Eine spezielle Matratzentechnologie wird im DNQP-Expertenstandard ausdrücklich nicht favorisiert, das heißt die „Eine für alle(s)-Matratze“ oder ein „entweder oder“ gibt es nicht. Die Auswahl der Matratze muss immer anhand individueller Kriterien nach dem aktuellen Bedarf des Patienten erfolgen.
Mythos 2: „Einsetzbar bis Dekubitusgrad IV“

Die Leistungszuordnung von Matratzen zu Dekubitusgraden gehört nach wie vor zum größten Aberglauben in der Hilfsmittelversorgung. Die Angabe von Dekubitusgraden ist immer schon ein reines Werbeinstrument der Industrie gewesen, von dem sich Krankenkassen, Fachhändler und Pflegekräfte auch heute noch in die Irre führen lassen. Für solche Aussagen, die renommierte Fachgesellschaften wie das European Pressure Ulcer Advisory Panel (EPUAP) heftig kritisieren, gibt es keinerlei empirische Grundlage. Es existieren weder Tests noch seriöse Studien, die eine therapeutische Eignung einer Matratze bis zu einem bestimmten Dekubitusgrad nachweisen.

Bitte beachten Sie, dass sich die Leistungsfähigkeit eines Produktes immer nur aus dem spezifischen Bewohnerkontext ergeben und nie allgemeingültig sein kann. Druckmindernde Eigenschaften ein und desselben Produktes können bei verschiedenen Gewichtsbelastungen, Körperprofilen und Lagerungspositionen von sehr unterschiedlicher Qualität sein. Wählen Sie deshalb Antidekubitus-Matratzen nach der spezifischen Risikosituation und den Bedürfnissen Ihres Bewohners aus.

Mythos 3: „Wechseldruckmatratzen werden heute nicht mehr eingesetzt“

Diese Aussage ist schlicht falsch. Wechseldrucksysteme leisten bei hohen Risiken eine wirkungsvolle Druckreduzierung. Gleichzeitig können bestimmte Systeme bei einzelnen Erkrankungen oder Schmerzen ungeeignet sein. Das gilt jedoch ebenso für andere Matratzentypen wie die Schaumstoff-Weichlagerung. Entscheidend sind die konkreten Eigenschaften des Systems und die Situation der Bewohnerin oder des Bewohners.

Es befindet sich eine Vielzahl hochwertiger Wechseldrucksysteme im Hilfsmittelverzeichnis bzw. im Erstattungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung – ein Beleg für die Aktualität des Einsatzes dieser Systeme in der Dekubitusprävention und unterstützenden Therapie.

Mythos 4: „Das steht so im Expertenstandard“

In der Pflegepraxis wird die Forderung nach einer bestimmten Matratze häufig mit dem Expertenstandard begründet. Der DNQP-Expertenstandard bevorzugt grundsätzlich weder Schaumstoff noch Wechseldruck. Er fordert eine individuelle und bedarfsgerechte Auswahl. Aussagen, die mit „Das steht so im Expertenstandard“ begründet werden, sollten deshalb im fachlichen Zusammenhang geprüft werden.

Mythos 5: „Wir müssen umsetzen, was Heimaufsicht und Medizinischer Dienst fordern“

Prüfer des Medizinischen Dienstes sollten über aktuelles pflegerisches Fachwissen auch im Bereich der Hilfsmittel verfügen, um Einrichtungen objektiv beraten zu können. In der Praxis zeigt sich leider zunehmend, dass Mitarbeitende des MD oder der Heimaufsicht bei Begehungen oder Impulsberatungen pauschale Aussagen zu Antidekubitus-Hilfsmitteln treffen. Aus Angst vor schlechten Bewertungen oder anderen Sanktionsmaßnahmen werden diese Meinungen in der Pflege oft kritiklos umgesetzt.

Zum Wohle Ihrer Bewohner, für die Sie und nicht der MD die Verantwortung tragen, empfiehlt es sich, Anweisungen, die Ihnen fragwürdig oder unsachlich erscheinen, zu hinterfragen. Bitten Sie den MD oder die Heimaufsicht um Nachweise oder Quellen für ihre Aussagen. Noch wichtiger ist es, sich Aussagen, die Auswirkungen auf die Versorgung des Bewohners haben, schriftlich bestätigen zu lassen und anschließend mit Fachexperten zu klären.

Fazit: Seien Sie kritisch gegenüber Pflege-Mythen und zweifelhaften Aussagen. Tragen Sie durch Sachlichkeit und Dialog zu einer bedarfsgerechten und faktenbasierten Versorgung von Menschen mit Dekubitusrisiko bei.

Wir widerlegen Mythen,
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