In drei Schritten zum richtigen Hilfsmittel für den Patienten

Die in Schritt 1 erfasste Risikosituation und die in Schritt 2 ermittelten Maßnahmen führen nicht automatisch zu einer bestimmten Antidekubitus-Matratze. Der Weg zum richtigen Hilfsmittel verläuft in drei aufeinander aufbauenden Schritten.

Schritt 1: Ermittlung des Dekubitusrisikos als Ausgangsbasis

Vor der Festlegung jeglicher Präventionsmaßnahmen ist in der Pflegepraxis in einem ersten Schritt zunächst immer eine differenzierte Risikoeinschätzung beim Pflegebedürftigen erforderlich. Eine einfache Skalenbewertung ist ausdrücklich nicht dazu geeignet, um das individuelle Dekubitusrisiko eines Menschen zu bestimmen.

Entscheidend ist die pflegefachliche Einschätzung der folgenden, beim Patienten vorliegenden Einflussfaktoren, die zur Transparenz und Qualitätssicherung in geeigneter Form zu dokumentieren sind.

Die wichtigsten Risikofaktoren:

Aktivitätssituation

Ist die Person gehfähig, überwiegend sitzend oder bettlägerig? Je geringer die Aktivität, desto höher ist das Dekubitusrisiko.

Mobilität und Eigenbewegung als wichtigster Risikofaktor

Welche Eigenbewegungen kann die pflegebedürftige Person ausführen? Kann sie ihre Position im Bett liegend oder im Stuhl sitzend eigenständig verändern? Wenn nein, was sind die Ursachen hierfür? Hierzu zählen zum Beispiel fehlende Körperkraft, Ablehnung, fehlende Eigenmotivation, Schmerzen, fehlende kognitive Fähigkeiten. Können diese Ursachen beseitigt werden?

Bitte beachten: Die Ausführung von Mikrobewegungen ist für den Menschen sehr wichtig, für die Dekubitusprävention ist sie aber nicht ausreichend.

Vorliegende Kraftressourcen und Lagerungstoleranz

Kann der Patient eine neue Liegeposition eigenständig halten? Toleriert der Bewohner Lagerungsmaßnahmen oder strebt er immer wieder eine bestimmte Liegeposition an? Nimmt der Patient längere Zeit eine Oberkörperhochlagerung oder sitzende Position im Bett ein?

Wahrnehmungs- und Reaktionsfähigkeit

Kann die Person Druck, Schmerzen oder Unbehagen wahrnehmen und darauf reagieren? Neurologische Erkrankungen, Bewusstseinsstörungen, Schmerz- oder Schlafmittel können das Risiko deutlich erhöhen. Werden andere Medikamente eingesetzt, die Einfluss auf Wahrnehmung und Kreislauf haben?

Dauer und Intensität der Druckbelastung

Wie lange werden gefährdete Körperstellen belastet? Relevant sind insbesondere Kreuzbein, Fersen, Sitzbeinhöcker, Trochanter sowie andere knöcherne Vorsprünge. Bestehen an diesen Stellen bereits abgeheilte oder akute Druckgeschwüre?

Scherkräfte und Reibung

Kommt es im Alltag, bei der Mobilisation oder anderen Pflegemaßnahmen zur Verschiebung von Gewebsschichten oder Reibungskräften auf die Haut? Zum Beispiel beim Herabrutschen im Bett oder beim Transfer?

Feuchtigkeit und Inkontinenz

Feuchte Haut durch Urin, Stuhl oder starkes Schwitzen wird anfälliger für Hautschäden.

Wichtig: Inkontinenz ist eher ein zusätzlich begünstigender Faktor. Sie kann alleine nicht Ursache eines Dekubitus sein.

Durchblutung und Sauerstoffversorgung

Arterielle Durchblutungsstörungen, niedriger Blutdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Anämie oder andere Faktoren, die die Gewebetoleranz vermindern, erhöhen das Dekubitusrisiko.

Ernährungs- und Allgemeinzustand

Mangelernährung, Gewichtsverlust, Flüssigkeitsmangel und insbesondere eine geringe Muskel- und Fettmasse können die Widerstandsfähigkeit des Gewebes reduzieren. Auch ausgeprägte Adipositas kann die Versorgung und Druckentlastung erschweren.

Schritt 2: Mit welchen Maßnahmen kann das Dekubitusrisiko ausgeglichen werden?

Nach der differenzierten Erfassung des Dekubitusrisikos müssen in einem zweiten Schritt folgende Fragen beantwortet werden:

  • Sind die vorhandenen Maßnahmen geeignet und ausreichend, um das vorhandene Risiko auf ein tolerierbares Maß zu reduzieren?
  • Wenn die aktuellen Maßnahmen nicht ausreichend sind: Können sie in der konkreten pflegerischen Situation ohne Hilfsmittel so angepasst, verbessert und dann zuverlässig umgesetzt werden, dass einem Dekubitus erfolgreich vorgebeugt werden kann?
  • Liegen die pflegerischen Ressourcen im häuslichen Umfeld oder in der Einrichtung dauerhaft und verlässlich vor, um die Durchführung der erweiterten Maßnahmen ohne Hilfsmittel nachhaltig zu gewährleisten?

Wenn diese Fragen mit „Nein“ beantwortet werden, sind Hilfsmittel gegen Dekubitus zur Ergänzung der vorhandenen Maßnahmen notwendig. Damit folgt Schritt 3.

Schritt 3: Welche Kriterien bestimmen die Auswahl des richtigen Hilfsmittels?

Das in Schritt 1 erfasste Dekubitusrisiko und die in Schritt 2 ermittelten notwendigen Präventionsmaßnahmen führen nicht automatisch zu einer bestimmten Antidekubitus-Matratze oder einem bestimmten Sitzkissen.

Für die Auswahl des richtigen Hilfsmittels sind im letzten Schritt die beim Patienten vorliegenden Einflussfaktoren zu erfassen und zu bewerten. Diese Faktoren müssen im Zusammenhang betrachtet werden. Ein Hilfsmittel kann beispielsweise eine gute Druckreduzierung bieten, gleichzeitig aber die vorhandene Eigenbewegung erschweren oder Schmerzen verstärken. Eine bedarfsgerechte Versorgung muss daher mehrere Ziele miteinander verbinden. Hieraus ergibt sich, über welche konkreten Eigenschaften und welches Wirkprinzip das Hilfsmittel in der vorliegenden Patientensituation verfügen muss.

Kriterien für die Auswahl von Antidekubitus-Matratzen

Mobilität und Dekubitusrisiko

Kann der pflegebedürftige Patient seine Liegeposition noch verändern und besteht unter Berücksichtigung der anderen Risikofaktoren ein geringes oder mittleres Dekubitusrisiko, ist eine statische Schaumstoff-Weichlagerung zur Dekubitusprävention in der Regel ausreichend.

Hohes oder sehr hohes Dekubitusrisiko

Kann bei einem hohen oder sehr hohen Dekubitusrisiko das erforderliche, hochfrequente Lagerungsintervall durch die Pflegenden nicht gewährleistet werden, ist ein aktiv-dynamisches System notwendig.

Risiko von Komplikationen oder Nebenwirkungen

Besteht beim Einsatz eines aktiv-dynamischen Matratzensystems das Risiko von Komplikationen oder Nebenwirkungen, sind spezielle, aktive Systeme mit sanftem Druckwechsel oder geringer Reizeinwirkung auf den Patienten notwendig.

Nebenwirkungen oder sogenannte Kontraindikationen, die ein spezielles System erforderlich machen, können bei folgenden Diagnosen auftreten:

  • Schwere onkologische Erkrankungen mit Metastasenbildung im Skelettbereich
  • Multiple Sklerose, Amyotrophe Lateralsklerose, Apallisches Syndrom und schwerwiegende Erkrankungen des Nervensystems
  • Querschnittsyndrom
  • Instabile Wirbelverletzungen bzw. Wirbeleinbrüche
  • Zustand nach Oberschenkelamputation
  • Patienten mit ausgeprägter Schmerzsymptomatik
  • Dekubitusversorgung bei Kindern und Jugendlichen
Weitere Kriterien für die individuelle Auswahl

  • Liegen Besonderheiten im Körperprofil mit Auswirkungen auf die Druckentlastung vor (z. B. Skoliose, Kyphose, Kontrakturen)?
  • Nimmt der Patient längere Zeit eine Oberkörperhochlagerung oder sitzende Position im Bett ein?
  • Liegt eine ausgeprägte Kachexie oder extreme Adipositas vor? Liegen besondere Körperproportionen mit besonderen Gewichtsbelastungen auf einer geringen Fläche vor?
  • Liegt eine palliative Lebenssituation vor, in der das Therapieziel „Dekubitusprävention“ anderen Zielen untergeordnet wird?
  • Wie ist die Liege- und Schlafsituation des Patienten (Art des Bettes, Liegefläche)?

Schwarz-Weiß-Betrachtung „Schaumstoff oder Wechseldruck“ vermeiden

Mögliche Komplikationsrisiken beim Einsatz einer Wechseldruckmatratze

Mögliche Komplikationsrisiken beim Einsatz einer Wechseldruckmatratze dürfen nicht dazu führen, dass eine Schaumstoff-Weichlagerungsmatratze eingesetzt wird, die bei einem vorliegenden hohen oder sehr hohen Dekubitusrisiko nicht ausreichend ist.

Wenn die Risikoeinschätzung zur Notwendigkeit eines aktiv-dynamischen Systems und zum Ausschluss einer statischen Weichlagerungsmatratze geführt hat und gleichzeitig Komplikationsrisiken zum Wechseldruck bestehen, sind sanfte Speziallagerungssysteme einzusetzen. Sie leisten die notwendige Druckentlastung des Gewebes und haben eine sehr hohe Patientenakzeptanz.

Nicht nur „Schaumstoff oder Wechseldruck?“

Die Entscheidung für ein Hilfsmittel darf nicht allein auf die Frage „Schaumstoff oder Wechseldruck?“ reduziert werden. Innerhalb der verschiedenen Wirkprinzipien und Matratzenarten gibt es erhebliche Unterschiede bei Qualität, Eigenschaften und Einsatzmöglichkeiten. Neben klassischen Schaumstoff- und Wechseldruckmatratzen stehen außerdem neuere Lösungen wie Hybrid- oder Speziallagerungssysteme für die Patientenversorgung zur Verfügung.

Fragestellungen für die Auswahl von Sitzkissen gegen Dekubitus

  • In welche Sitzgelegenheit wird der Patient mobilisiert?
  • Wie lange ist die Sitzdauer des Patienten?
  • Kann der Patient eigenständig druckentlastende Positionswechsel im Sitzen vornehmen?
  • Kann der Patient sensorische Reize im Sitzbereich wahrnehmen?
  • Sitzt der Patient asymmetrisch oder instabil?
  • Belastet der Patient beim Sitzen bestehende oder abgeheilte Wunden?

Fazit: Die Auswahl bedarfsgerechter Hilfsmittel gegen Dekubitus ist eine komplexe Aufgabe. Aufgrund von Komplikationsrisiken erfordert sie insbesondere bei speziellen Indikationen eine hohe Handlungskompetenz und fundierte Erfahrungen mit Hilfsmitteln gegen Dekubitus. Die Auswahl sollte daher von der Pflege in fachlicher Abstimmung mit dem Hilfsmittel-Leistungserbringer erfolgen. Die Pflege hat dabei die Möglichkeit, den Versorgungsprozess verantwortungsvoll und aktiv mitzugestalten.

Wir systematisieren Risiko,
Maßnahme,
Auswahl.